Ausgabe 01 UA
← Magazin 15. September 2026
Kolonnaden · 6 min

Wandeln unter Säulen: die Kolonnade als Bühne der Kurstadt

In den Kurstädten wurde der Säulengang zur Bühne: Die Kolonnade und die Wandelhalle inszenieren das Gehen als gesellschaftliches Schauspiel. Ein Spaziergang im Ressort Kolonnaden.

Weiträumige Kurkolonnade mit langer Reihe schlanker gusseiserner Säulen, gedämpftes Licht fällt auf einen hellen Steinboden und filigrane Deckenornamente
Weiträumige Kurkolonnade mit langer Reihe schlanker gusseiserner Säulen, gedämpftes Licht fällt auf einen hellen Steinboden und filigrane Deckenornamente

Manche Bauformen dienen dem Zweck, manche dem Auftritt. Die Kolonnade der Kurstadt gehört zur zweiten Sorte. Sie ist ein Säulengang, der nicht bloß vor dem Wetter schützt, sondern das Gehen selbst in Szene setzt, ein Laufsteg unter Dach, auf dem man sieht und gesehen wird. Im Ressort Kolonnaden widmen wir uns dieser besonderen Spielart des überdachten Gangs, der Bühne der Promenade.

Der Gang wird zum Ritual

Die europäische Kurstadt des 18. und 19. Jahrhunderts erfand eine seltsame, wunderbare Tätigkeit: das Wandeln. Man ging nicht, um irgendwo hinzukommen, sondern um zu gehen, langsam, aufrecht, in bester Gesellschaft. Der Kurgast trank sein Heilwasser und schritt anschließend die Halle ab, hin und zurück, im gemächlichen Takt der Kur.

Für dieses Ritual brauchte es einen eigenen Raum, und dieser Raum war die Wandelhalle, die überdachte Kolonnade am Herzen des Kurbezirks. Sie musste lang genug sein für einen echten Spaziergang, überdacht gegen Regen und pralle Sonne, offen genug für Luft, Aussicht und den prüfenden Blick. Kurz: Sie musste die Arkade sein, aber als Theater.

In der Kurstadt geht man nicht durch die Kolonnade, man tritt in ihr auf.

Marienbad, Bath und die Architektur des Auftritts

Die Kurorte Europas haben diese Bauaufgabe zu großer Form gebracht. In den böhmischen Bädern, allen voran Marienbad, entstanden gusseiserne Kolonnaden von filigraner Leichtigkeit, luftige Hallen, deren schlanke Säulen ein reich verziertes Dach tragen. Sie sind Verwandte der Glaspassagen, denen sich das Ressort Passagen widmet, geboren aus derselben Freude an Eisen und Licht, die im Ressort Licht & Glas genauer beschrieben ist.

Im englischen Bath dagegen sprach der Stein. Hier ordnete sich die ganze Stadt dem Gedanken der Promenade unter, mit langgezogenen klassizistischen Kolonnaden, geschwungenen Häuserzeilen und Säulenreihen, die dem Flanieren eine strenge, noble Kulisse gaben. Zwei Temperamente, dieselbe Idee: der überdachte Gang als gesellschaftliche Bühne.

Was diese Bauten leisten, lässt sich an wenigen Zügen ablesen:

  • Länge als Dramaturgie. Die Halle ist so bemessen, dass der Spaziergang Zeit hat, ein Ereignis zu werden.
  • Rhythmus als Musik. Die gleichmäßige Säulenfolge gibt dem Schritt seinen Takt.
  • Offenheit als Blickregie. Zwischen den Säulen öffnet sich die Aussicht auf Park, Quelle und die anderen Wandelnden.
  • Dach als Versprechen. Das Wetter darf die Vorstellung nicht stören, also spielt sie im Trockenen.

Zwischen Salon und Landschaft

Das Raffinierte an der Kurkolonnade ist ihre Zwischenstellung. Sie ist nicht ganz Innenraum und nicht ganz Park, sondern beides zugleich, ein Salon, der sich zur Landschaft öffnet, und eine Landschaft, die sich zum Salon verdichtet. Man ist geschützt wie in einem Saal und frei wie im Freien.

Diese Doppelnatur erklärt ihren besonderen Reiz. In der Wandelhalle darf man verweilen, ohne müßig zu wirken, plaudern, ohne aufdringlich zu sein, allein sein mitten in der Menge. Sie ist ein Ort für das halblaute Gespräch, den zufälligen Gruß, die beiläufige Begegnung, jene feinen sozialen Vorgänge, die der überdachte Gang wie kaum eine andere Bauform begünstigt, wie wir im Ressort Stadtraum grundsätzlicher ausführen.

Warum die Kolonnade heute wieder zählt

Man könnte die Kurkolonnade für ein zierliches Relikt halten, für eine Requisite aus der Welt der Kutschen und Sonnenschirme. Doch ihr Kerngedanke ist heute so gültig wie damals: dass öffentlicher Raum nicht nur benutzbar, sondern schön sein darf, dass Gehen ein Vergnügen sein kann und dass ein Dach über einem langen, offenen Weg die Menschen zusammenführt.

Wo Städte heute nach Orten suchen, an denen man sich bei jeder Witterung gern aufhält, ist die Wandelhalle ein überraschend aktuelles Vorbild. Sie erinnert daran, dass die humanste Bauform der Stadt nicht nur schützen, sondern auch beglücken kann, indem sie das Einfachste feierlich macht: einen Spaziergang im Trockenen, unter Säulen, in gutem Licht.

Ressort: Kolonnaden Unter Arkaden