Ausgabe 01 UA
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Passagen · 7 min

Kristallpaläste des Handels: die Glaspassagen des 19. Jahrhunderts

Paris erfand sie, Brüssel adelte sie, Mailand krönte sie: Ein Gang durch die verglasten Passagen des 19. Jahrhunderts als eigene Gattung der Baukunst.

Langes verglastes Passagengewölbe mit filigranem Eisengerippe, Tageslicht fällt gleichmäßig auf einen Boden aus Marmormosaik
Langes verglastes Passagengewölbe mit filigranem Eisengerippe, Tageslicht fällt gleichmäßig auf einen Boden aus Marmormosaik

Man betritt sie durch eine unscheinbare Öffnung in der Straßenfront, ein schmaler Schnitt in der Fassade, kaum breiter als ein Tor. Und dann öffnet sich der Raum nach oben, hell, still, überwölbt von einem Himmel aus Glas. Die Passage des 19. Jahrhunderts ist eine der schönsten Überraschungen, die der städtische Grundriss bereithält, ein Innenraum, der sich als Straße ausgibt, und eine Straße, die sich als Saal aufführt.

Im Ressort Passagen folgen wir dieser Gattung dorthin, wo sie ihre reinsten Formen gefunden hat. Nicht als Kaufkulisse, sondern als das, was sie architektonisch immer war: die erste vollständig verglaste Straße der Geschichte.

Paris erfindet den überdachten Boulevard

Alles beginnt in Paris, in den Jahrzehnten nach 1800. Zwischen die dicht gedrängten Häuserblocks schneidet man schmale, private Durchgänge, überdacht sie mit Glas und pflastert sie mit Marmormosaik. Die passages couverts verbinden zwei Straßen und werden dabei selbst zur schönsten von beiden. Namen wie Galerie Vivienne oder Passage des Panoramas stehen für ein neues Raumgefühl: den Spaziergang im Trockenen, das Bummeln als Selbstzweck.

Hier entsteht eine Figur, die für das ganze Jahrhundert prägend wird, der Flaneur, der zweckfreie Gänger, der schaut, ohne zu suchen. Die Passage ist sein natürlicher Lebensraum, weil sie das Draußen zähmt: kein Regen, kein Straßenschmutz, kein Pferdegetümmel, dafür gedämpftes Oberlicht und ein Boden, der wie ein Teppich gemustert ist.

Die Passage machte das Wetter zur Privatsache und den Gehweg zum Salon.

Brüssel adelt die Form

Was in Paris beiläufig, fast heimlich begann, wird in Brüssel zur großen Geste. Die Galeries Royales Saint-Hubert, in der Mitte des Jahrhunderts eröffnet, sind eine der ersten monumental angelegten Passagen Europas. Eine lange, dreiteilige Achse, gegliedert durch strenge Pilaster, überfangen von einem gläsernen Tonnengewölbe, das wie eine gläserne Halle über der Straße schwebt.

Das Besondere ist der Anspruch: Hier soll die Passage kein privater Schleichweg mehr sein, sondern eine öffentliche Prachtstraße unter Dach, eine Adresse mit Rang. Die Architektur zitiert den Palast, die Kirche, die Galerie, und macht aus dem Durchgang einen Ort, an dem man sich zeigt. Der überdachte Gang steigt gesellschaftlich auf.

Mailand setzt die Krone auf

Und dann Mailand. Die Galleria Vittorio Emanuele II, gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollendet, ist der Höhepunkt und die Übersteigerung der ganzen Gattung. Zwei Straßen kreuzen sich unter Glas, und über der Kreuzung wölbt sich eine gewaltige gläserne Kuppel, ein oktogonaler Himmel aus Eisen und Licht.

Was diesen Bau so überwältigend macht, ist die Verbindung von zwei Größenordnungen:

  • der Straße, die man im Erdgeschoss erlebt, mit ihrem Boden aus feinem Mosaik und ihren steinernen Fassaden;
  • und dem Kirchenraum, den das Gewölbe darüber heraufbeschwört, weit, hallend, von oben durchlichtet.

Man geht durch eine Gasse und steht plötzlich in einer Kathedrale, deren Gott das Tageslicht ist. Kein Zufall, dass die Mailänder ihre Galleria zärtlich das Wohnzimmer der Stadt nennen. Sie ist der überdachte Gang in seiner triumphalsten Form, ein Stadtraum, der zugleich Innenraum ist.

Warum diese Räume bis heute wirken

Man könnte diese Passagen für Kinder ihrer Epoche halten, für elegante Anachronismen aus einer Zeit, die das Glas gerade erst zu bändigen gelernt hatte. Doch ihre Kraft ist nicht historisch, sie ist räumlich. Wer heute unter der Mailänder Kuppel steht oder durch die Brüsseler Galerie geht, spürt sofort, was diese Architektur so überzeugend macht: Sie kombiniert die Freiheit der Straße mit der Geborgenheit des Hauses.

Möglich wurde das erst durch eine technische Revolution, die wir im Ressort Licht & Glas ausführlich erzählen: die Beherrschung von Gusseisen und großflächiger Verglasung. Erst als das Dach aus Luft zu bauen war, konnte die Straße nach oben offen und doch geschützt sein.

Die Glaspassage ist damit mehr als eine schöne Kulisse. Sie ist der Beweis, dass sich öffentlicher Raum überdachen lässt, ohne ihn zu verschließen, und dass eine Straße feierlich sein kann, ohne aufzuhören, eine Straße zu sein. Genau darin liegt ihre bleibende Aktualität, wie das Ressort Stadtraum an der jüngsten Rückkehr des Gedankens zeigt.

Ressort: Passagen Unter Arkaden