Ausgabe 01 UA
← Magazin 21. September 2026
Stadtraum · 7 min

Der überdachte Gang: warum die Arkade die humanste Bauform der Stadt ist

Ein geschützter, durchlässiger Raum, der niemandem und allen gehört: Zur Eröffnung von „Unter Arkaden" ein Plädoyer für den überdachten Gang als Herzstück einer menschenfreundlichen Stadt.

Steinerner Arkadengang mit gleichmäßiger Bogenreihe, schräg einfallendes Licht wirft ein Muster aus Schatten auf den abgetretenen Boden
Steinerner Arkadengang mit gleichmäßiger Bogenreihe, schräg einfallendes Licht wirft ein Muster aus Schatten auf den abgetretenen Boden

Es gibt Bauformen, die man bemerkt, weil sie laut sind. Und es gibt eine, die man erst vermisst, wenn sie fehlt: den überdachten Gang. Er ist so selbstverständlich, dass wir kaum über ihn nachdenken, während wir durch ihn hindurchgehen, trockenen Fußes, im Halbschatten, geschützt und doch mitten im Leben. Genau dieser Widerspruch macht ihn zur vielleicht menschenfreundlichsten Erfindung der europäischen Stadt.

Mit dieser ersten Ausgabe eröffnen wir ein Magazin, das sich einer einzigen Sache widmet: dem gedeckten, gewölbten Weg. Der Arkade, der Passage, der Kolonnade, dem Portikus. Und wir beginnen dort, wo alles zusammenläuft, im Ressort Stadtraum, mit einer These, die wir in den kommenden Wochen von allen Seiten prüfen werden.

Ein Dach, das nicht ausschließt

Die meisten Räume, die uns Schutz bieten, tun das, indem sie eine Tür schließen. Ein Haus, ein Saal, ein Hof: Sie definieren ein Innen und ein Außen, und über den Übergang wacht eine Schwelle. Die Arkade verweigert sich dieser Logik. Sie gibt uns ein Dach über dem Kopf, ohne uns eine Wand vorzusetzen. Sie ist überdacht und offen zugleich.

Die Arkade ist der einzige Innenraum, den man betreten kann, ohne einzutreten.

Darin liegt ihre eigentümliche Großzügigkeit. Wer unter Arkaden geht, muss nichts vorweisen, nichts kaufen, sich zu nichts bekennen. Er ist willkommen, ohne eingeladen worden zu sein. Der Bogengang gehört, im schönsten Sinne, niemandem, und gerade deshalb allen. Er ist ein Stück Privateigentum, das seine Fassade dem Gemeinwesen leiht.

Die Stadt auf Augenhöhe

Man kann eine Stadt daran erkennen, wie sie mit dem Wetter umgeht. Die nordeuropäische Antwort war lange die Markise, die südeuropäische der Baum, die genialste aber war der Säulengang. Er verhandelt zwischen Sonne und Regen, zwischen dem grellen Platz und dem dunklen Hausflur, und schafft einen dritten Zustand: das gedämpfte, geborgene Draußen.

Was die Arkade dabei so verlässlich macht, sind ein paar sehr konkrete Eigenschaften:

  • Rhythmus statt Monotonie. Die Bogenfolge zerlegt die lange Fassade in atembare Einheiten. Man geht nicht an einer Wand entlang, sondern von Feld zu Feld.
  • Maßstab für den Fuß. Die Höhe des Gewölbes, die Weite des Jochs, der Abstand der Pfeiler sind auf den gehenden Menschen berechnet, nicht auf das Auto und nicht auf die Drohnenperspektive.
  • Ein Halbschatten, der einlädt. Man bleibt stehen, ohne im Weg zu sein. Man wartet, ohne zu warten. Der Gang wird zum Zimmer der Stadt.

Diese Qualitäten sind kein Zufall. Bologna hat sie über Jahrhunderte perfektioniert, auf fast vierzig Kilometern durchgehender Portici, denen wir im Ressort Bogengänge eine eigene Geschichte widmen. Die Glaspassagen des 19. Jahrhunderts übersetzten dasselbe Prinzip in Eisen und Licht, wovon das Ressort Passagen erzählt. Und die Kurstädte verwandelten den Gang in eine Bühne, siehe Kolonnaden.

Der demokratischste Grundriss

Warum humanste Bauform und nicht bloß angenehmste? Weil die Arkade eine soziale Erfindung ist, kein bloß bauklimatisches Detail. Sie stellt Menschen unterschiedlichster Herkunft unter dasselbe Dach, ohne Eintritt, ohne Rang. Die Reiche und die, die nur Schutz vor dem Guss sucht, gehen denselben Weg. Für die Dauer weniger Schritte teilen sie einen Raum, der keinem gehört.

Dieser leise Egalitarismus ist selten geworden. Große Teile der zeitgenössischen Stadt sind entweder privatisiert und bewacht oder ungeschützt und windig. Die Arkade kennt diese Alternative nicht. Sie ist Schwellenraum und Aufenthaltsraum zugleich, und sie erlaubt jene beiläufige Begegnung, aus der urbanes Leben überhaupt erst besteht: das Nicken im Vorübergehen, das Unterstellen im selben Bogen, das gemeinsame Warten, bis der Regen nachlässt.

Weshalb wir dieses Magazin machen

Es wäre leicht, die Arkade museal zu betrachten, als schöne Erinnerung an dichtere Zeiten. Wir sehen sie anders. Der überdachte Gang ist eine der lebendigsten Antworten auf die Fragen, die uns gerade jetzt umtreiben: Wie bleibt die Stadt bei Hitze und Starkregen begehbar? Wie schaffen wir öffentlichen Raum, der schützt, ohne zu kontrollieren? Wie viel Draußen verträgt der Mensch?

„Unter Arkaden” tritt an, um diese Bauform nicht zu betrauern, sondern zu feiern und weiterzudenken. In dieser Ausgabe folgen wir dem Bogen durch Milano, Paris und Brüssel, kriechen unter die Portici von Bologna, wandeln durch die Kolonnaden der Kurstädte und sehen im Ressort Stadtraum nach, wie die Arkade gerade zurückkehrt. Kommen Sie mit. Es ist trocken hier drin, und das Licht ist wunderbar.

Ressort: Stadtraum Unter Arkaden