Das Dach aus Luft: wie Eisen und Glas den Gang eroberten
Gusseiserne Säulen, filigrane Rippen, ein Gewölbe aus Glas: Wie das 19. Jahrhundert lernte, den überdachten Gang aus Licht zu bauen. Eine Materialgeschichte im Ressort Licht & Glas.
Jahrtausendelang galt für den überdachten Gang eine eiserne Regel: Wer ein Dach wollte, brauchte Masse. Ein Gewölbe aus Stein trug sich nur, wenn es dick genug war, und es blieb dunkel, weil kein großes Fenster die Wand durchbrechen durfte, ohne das Ganze zu schwächen. Der Bogengang war deshalb immer ein Kompromiss zwischen Schutz und Finsternis. Das 19. Jahrhundert löste diesen Kompromiss auf, mit zwei Materialien, die alles veränderten: Gusseisen und Glas.
Im Ressort Licht & Glas erzählen wir die Geschichte dieser stillen Revolution, die aus dem dunklen, schweren Gang einen hellen, schwebenden Raum machte, ein Dach, das kaum noch etwas wog und fast nur aus Licht zu bestehen schien.
Die Säule wird schlank
Am Anfang steht das Gusseisen. Zum ersten Mal ließ sich ein tragendes Bauteil in Serie gießen, dünn, stark und bei aller Filigranität erstaunlich belastbar. Die massige steinerne Säule, die selbst noch Platz wegnahm, konnte durch eine schlanke gusseiserne ersetzt werden, kaum dicker als ein Arm und doch imstande, ein ganzes Gewölbe zu tragen.
Das hatte Folgen weit über die Statik hinaus:
- Weite statt Enge. Weil die Stützen dünn wurden, rückten sie auseinander. Die Joche wurden breiter, der Raum offener.
- Serie statt Unikat. Die Säulen kamen aus derselben Form, was Bauten schneller, günstiger und rhythmischer machte.
- Ornament aus dem Guss. Kapitelle, Ranken und Rosetten ließen sich gleich mitgießen, sodass Tragwerk und Zierde eins wurden.
Plötzlich stand ein Gang nicht mehr auf Mauern, sondern auf einer Reihe zierlicher Stäbe. Die Wand, jahrtausendelang unverzichtbar, wurde entbehrlich.
Das Gewölbe wird durchsichtig
Und wenn die Wand nicht mehr tragen muss, darf sie verschwinden, oder durchsichtig werden. Hier kommt das zweite Material ins Spiel: das industriell hergestellte Flachglas, endlich in Mengen und Größen verfügbar, die den Bau ganzer Dächer erlaubten.
Auf das feine eiserne Gerippe legte man nun Glas. Statt eines steinernen Tonnengewölbes spannte sich eine gläserne Tonne über den Gang, gehalten von filigranen Rippen, durchflutet von Tageslicht. Das Dach war noch da, es schützte vor Regen und Wind, aber es hatte aufgehört, den Himmel zu verstellen.
Zum ersten Mal konnte man im Trockenen stehen und trotzdem nach oben ins Helle sehen. Der überdachte Gang hatte sein Dach behalten und den Himmel dazugewonnen.
Licht als Baustoff
Das eigentlich Neue war damit nicht das Eisen und nicht das Glas, sondern ihr Zusammenspiel, und was es möglich machte: Licht als Baumaterial. In den großen Glaspassagen, denen wir im Ressort Passagen nachgehen, wird das Tageslicht selbst zum Baustoff. Es formt den Raum, gibt ihm seine Weihe, ersetzt das Gold und den Marmor der älteren Prachtbauten durch etwas Immaterielles und doch Überwältigendes: gleichmäßige, von oben einfallende Helligkeit.
Dieselbe Technik trug die luftigen Kurkolonnaden, von denen das Ressort Kolonnaden erzählt, und sie kulminierte in den gläsernen Kuppeln, die über den größten Passagen schweben. Der Höhepunkt dieser Bauweise war der berühmte gläserne Ausstellungspalast der Jahrhundertmitte, ein Gebäude, das fast vollständig aus vorgefertigten Eisenteilen und Glas bestand und in wenigen Monaten emporwuchs, ein Wunder aus Transparenz, das der ganzen Epoche den Weg wies.
Ein Erbe, das trägt
Was das 19. Jahrhundert erfand, hat die Baukunst nie wieder losgelassen. Die Trennung von Tragwerk und Hülle, das Skelett aus schlanken Stützen, die Haut aus Glas, all das sind heute Selbstverständlichkeiten. Doch am reinsten und, so möchte man sagen, am menschenfreundlichsten zeigte sich diese Revolution dort, wo sie begann: im überdachten Gang.
Denn hier diente die neue Technik keinem Turm und keinem Rekord, sondern dem Fußgänger. Sie schenkte ihm einen Weg, der zugleich geschützt und hell ist, geborgen und offen, ein Dach aus Luft über dem Kopf. Wenn die Arkade heute zurückkehrt, wie das Ressort Stadtraum beschreibt, dann auch deshalb, weil wir gelernt haben, sie leicht und licht zu bauen. Das dunkle Gewölbe war eine Notwendigkeit. Der helle Gang ist eine Errungenschaft.